Challenge accepted!

Können 305 PS Rennfahrer Daniel Abt noch umhauen? Wenn sie mit Fliehkräften von über 7 g auf ihn einwirken schon. Ein Highspeed-Test im Flugzeugcockpit.

 

Autor | Volker Paulun              

Fotos | Matthias Mockenhaupt

Ein sonniger Tag im nördlichen Allgäu. Genauer gesagt auf dem Sportflughafen im beschaulichen Tannheim. Aber aus der Ferne nähert sich Donnergrollen. Und zwar auf zwölf Rädern: Ein ABT SQ5 (425 PS), ein ABT RS3 (500 PS) und – als stärkster Wagen des Trios – ein ABT RS5-R (530 PS) sind im Anflug. An Bord: Rennfahrer Daniel Abt, der brasilianische Schauspielstar Caio Castro sowie eine Film- und Foto-Crew.

Die beiden wollen sich einen ganz speziellen Adrenalinkick holen: ein heißer Ritt in der 305 PS starken und nicht einmal eine Tonne schweren Kunstflugmaschine von Matthias Dolderer. Eine echte Mutprobe, denn der 47 Jahre alte Dolderer zählt zu den besten Piloten der Welt, ein ganz abgebrühter König der Lüfte. 2016 wurde er als erster Deutscher Champion beim Red Bull Air Race. Und auch in diesem Jahr mischt er bei den Elitefliegern vorne mit.

Vor dem Flug macht Dolderer seinen Passagieren erst mal „Mut“. Mit wissenschaftlicher Sachlichkeit erklärt er, was passiert, wenn dort oben 7 oder 8 g (immerhin 1 g mehr als bei einer Vollbremsung im Formel-1-Auto) auf den menschlichen Körper einwirken: „Im Gegensatz zur Formel 1 wirken die Fliehkräfte bei unseren Flügen hauptsächlich auf der vertikalen Achse. Das heißt, du wirst mit über 600 Kilo in den Sitz gedrückt. Das Blut, das das Gehirn mit Sauerstoff versorgt, versucht dabei aus dem Kopf herauszufließen. Als erstes siehst du Sterne, wenn du dann weiter ziehst, folgt ein Tunnelblick, Blackout und Bewusstlosigkeit. Das sollte man natürlich vermeiden.“ Besser ist es.

„Jetzt geht’s gleich rückwärts runter“

Daniel Abt lässt sich auf dem Sitz vor Dolderer festschnallen. Sein Platz hat eine eigene Steuerapparatur für Höhen- und Seitenruder. Abt: „Keine Ahnung, was mich erwartet. Wird auf jeden Fall eine extreme Challenge.“ Er wird Recht behalten. Schon kurz nach dem Start folgen erste Ahhhhs, Ohhhs und Juchhuuuuus. Dann ein „Ach du Sch...“. Achterbahnfahrt extrem. Nach kurzer Einweisung durch den Champion fliegt Daniel Abt eigenhändig einen Looping. „Waaaahnsinn“. Dolderer übernimmt wieder das Kommando, schmeißt das Flugzeug von der einen auf die andere Seite. Fliegt auf dem Rücken. Kurze Zwischenfrage nach vorn: „Wie geht’s?“ Die etwas mühsam herausgepresste Antwort: „Alles okay, etwas Gesichtsspannung verloren.“ 90-Grad-Steilflug. Dabei vier Rollen nach links. Plötzlich nimmt Dolderer das Gas raus. Kurze Warnung: „Jetzt geht’s gleich rückwärts runter“. Daniel Abt versucht sich in Ironie: „Das klingt super“. Der anschließende Sturzflug wird von einem langen, geschrienen „Aahhhhhh“ untermalt. Es folgt ein Stakkato Viertelrollen nach links. Dann ein kurzes Durchatmen. Der carbonflügelige Zweisitzer gleitet auf dem Kopf durch die Luft. „Ein bisschen relaxen“, schlägt Dolderer vor. Abt kontert: „Hast du das Gefühl, dass ich nicht relaxed bin?“ Vielleicht war das zu vorlaut. Dolderer fordert die Schwerkraft wieder heraus. Senkrecht stößt der Silberpfeil in die Höhe, dreht dort weitere Pirouetten. Abts Gesichtszüge verhärten sich. „Wie geht’s?“ fragt Dolderer erneut. Dem von Abt geantworteten „sensationell“ fehlt es zwar ein wenig an Spannkraft, aber das Fliegerass fühlt sich ermutigt, sein Sportgerät abermals in den Himmel zu schrauben. Wieder zerren die Fliehkräfte an Abts Gurten. Es wird ruhig im Cockpit. Anfrage vom Käpt’n: „Alles gut bei dir?“ Die ehrliche Antwort des Passagiers: „So langsam ist eine leichte Übelkeit im Anflug“. Für Dolderer das Zeichen zur Landung – schließlich hat er keinen Bock, seinen Flieger von innen reinigen zu müssen…

Extremerfahrung oder Sonntagsausflug?

Leicht benommen, aber schwer beeindruckt klettert Abt aus dem Cockpit. Sein Fazit: „Ich habe da oben jegliche Kontrolle über meinen Körper verloren. Ihr könnt es euch nicht vorstellen, was es bedeutet, mit Matthias mitzufliegen. Surreal.“ 7,3 g haben auf den in Rennfahrer eingewirkt. Eine Extremerfahrung für den austrainierten Sportler. Für Dolderer eher ein Sonntagsausflug. Der einst jüngste Fluglehrer Deutschlands ist solche Belastungen seit Jahrzehnten gewohnt. Bei den Wettkämpfen des Red Bull Air Race wirken kurzzeitig sogar 12 g auf seinen Körper ein.

Als zweiter Kandidat wartet nun der brasilianische Schauspielstar Caio Castro auf einen „taxi ride“ im agilen Doppelsitzer „Extra 300L“. Dolderer gibt Gas, Er ist in seinem Element. Castro wohl eher weniger. Aber seine 16 Millionen Instagram-Follower können sich auf spektakuläres Bildmaterial freuen. Auch Abt hat reichlich Material für einen neuen Clip auf seinem YouTube-Kanal gesammelt.

So langsam rüstet sich die Reisegruppe für die Rückfahrt nach Kempten. Servus, einsteigen und los. Das Donnergrollen zieht aus Tannheim ab. Die Sonne strahlt noch immer – und in den drei Autos ein paar Gesichter.