Electric Crazyland

Ein Kombi, wie ihn die Welt noch nicht Gesehen hat, betritt die Bühne: Im ABT RS6-E vereinen sich V8-Biturbo und E-Maschine zu einem Fortissimo Furioso mit 1.018 PS.

 

Autor | Volker Paulun

Fotos | Matthias Mockenhaupt, Viktor Stark

James Bond hat uns alle gewarnt: Sag niemals nie. Und in der Tat: Wer gedacht hat, dass die über 700 PS, die ABT dem Audi RS6 einhaucht, niemals zu toppen sein werden, wird nun eines viel, viel Besseren belehrt. Willkommen an Bord des ABT RS6-E. Ein Auto, das 007 gefallen würde. Denn mit einem Druck auf den grünen, mit einem Stromblitz markierten Knopf im Lenkrad aktiviert man nicht nur einen einzelnen Schleudersitz, sondern gleich derer fünf. Denn der Schub, den der gerade gezündete, 288 PS starke Boost des E-Motors nun über die Hinterachse und die Passagiere hereinbrechen lässt, ist mit dem Wort raketengleich ziemlich passend beschrieben.

Mehr Newtonmeter als PS: 1.291

Fixe Kopfrechner haben die Leistungszahlen des RS6-E längst addiert: 730 V8-PS plus 288 Elektro-PS machen zusammen 1.018 PS. Bäng. Das Drehmoment ist sogar doppelt bäng: 1.291 Newtonmeter. Genau diese erfurchtgebietende Zahl ist der Grund, warum sich die Elektropower erst ab 100 km/h und dem dritten Gang zuschalten lässt. Würde der Drehmoment-Tsunami den Antriebsstrang des stehenden oder langsam fahrenden RS6-E fluten, würden seine Innereien durch die unbändigen Kräfte in Stücke gerissen werden wie die Festung eines Bond-Bösewichts im Schlussakt.

Um die rohen Kräfte der beiden Aggregate sinnvoll walten zu lassen, ist viel Know-how gefragt. Eine Aufgabe für das ABT „Spezialkommando E“ (offizieller Name: ABT e-Line). Bereits seit 2009 beschäftigen sich Experten in Kempten mit dem Thema Elektromobilität. Zunächst wurden für die Deutsche Post und andere Unternehmen VW-Lieferwagen zu Stromern umgebaut. Dann folgte als nächster Schritt die Pionierarbeit in der neu gegründeten Formel E. Dem Firmenmotto „Von der Rennstrecke auf die Straße“ folgend, fließt aus der weltweit ersten globalen Elektro-Rennserie viel Kompetenz zurück in die Entwicklung von Bauteilen für Straßenfahrzeuge.

Dass E-Mobilität auch jenseits der Formel E einen hohen Action- und Spaßfaktor haben kann, zeigt ein Anfang des Jahres präsentiertes Projekt made by ABT: der im Auftrag von Formel-E-Partner Schaeffler aufgebaute Schaeffler 4ePerformance. In einen entkernten Audi RS3 LMS verpflanzten die „Äbte“ vier Formel-E-Motoren der Schaeffler-Tochter Compact Dynamics. Die Systemleistung: auch hier über 1.000 PS (mehr zu dem Supertourenwagen im Formel-E-Sonderteil am Ende des Heftes).

Typisch ABT: Qualität und Praxistauglichkeit

Beim RS6-E kombinieren die Elektrofachkräfte von ABT erstmals einen leistungsgesteigerten V8-Biturbo mit einer E-Maschine. Lange war das Projekt RS6-E eine Geheimoperation. Zum einen, damit die Konkurrenz nicht Wind von dem Projekt bekommt. Zum anderen, um mit aller Ruhe und Sorgsamkeit ein Fahrzeug aufbauen zu können, das den hohen Ansprüchen von ABT in Sachen Qualität und Praxistauglichkeit entspricht.

Für die Elektrifizierung tauscht ABT die ursprüngliche Kardanwelle gegen zwei kürzere Wellen und einen E-Motor aus. Den Strom liefert der 13,6-kWh-Akku in der Reserveradmulde des Kofferraums. Ein zusätzlicher Kühler sorgt für gesunde Temperaturen der Elektrokomponenten. 255 Kilo wiegt das komplette E-Paket, das ergibt ein Leistungs­gewicht von 1,12 PS pro Kilo.

Der Fahreindruck: Unglaublich

Was passiert, wenn der Fahrer mit einem Druck auf den „Magic Button“ im Lenkrad die Elektroschubstufe zündet, hat Rennprofi Daniel Abt ausprobiert. Bis zu zehn Sekunden kann eine Boostphase dauern. Je nach Rekuperationsgrad sind der Batterie 15 bis 20 der Powerstöße zu entlocken. Für den Sprint auf 200 km/h braucht der geboostete RS6-E nur 9,3 Sekunden, zwei weniger als der 730-PS-Verbrenner. Auch danach geht’s mit Nachdruck Richtung Höchstgeschwindigkeit, die bei 320 km/h anliegt. „Waaaas ist das denn?“, fragt ein ungläubiger Daniel Abt bei der ersten Ausfahrt des Einzelstücks, das in einer Liga mit Hybrid-Supersportwagen wie Porsche 918, Ferrari LaFerrari oder McLaren P1 spielt. „Das Ding schiebt und schiebt und schiebt. Unglaublich.“ Willkommen im Electric Crazyland.

 

Leistung V8-Biturbo: 730 PS/920 Nm

Leistung E-Motor: 288 PS/371 Nm

System-leistung:1.018 PS/1.291 Nm

Getriebe: 8-Gang-Automatik

0–200 km/h: 9,3 Sekunden

Vmax: 320 km/h (abgeregelt)

Preis: Unverkäufliches Einzelstück

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